„Gesundheit ist eine Fähigkeit und kein Zustand“

Positive Health: Ein neues Bild von Gesundheit

Positive Health wurde von der niederländischen Ärztin und Forscherin Machteld Huber entwickelt. Der Ausgangspunkt war eine simple, aber provokante Frage: Was bedeutet Gesundheit eigentlich wirklich?

Huber wandte sich gegen die klassische WHO-Definition aus dem Jahr 1948, die Gesundheit als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“ beschreibt, denn nach dieser Maßgabe wäre kaum jemand wirklich gesund – und sie führt zu einer kostspieligen Medikalisierung der Versorgung.

Hubers alternative Definition lautet: Gesundheit ist „die Fähigkeit, sich anzupassen und sich selbst zu steuern angesichts sozialer, körperlicher und emotionaler Herausforderungen.“

Die sechs Dimensionen von Positive Health

Huber unterscheidet sechs Gesundheitsdimensionen:

  • Körperfunktionen,
  • mentale Funktionen und Wahrnehmung,
  • die spirituelle Dimension und Sinn,
  • Lebensqualität,
  • soziale Teilhabe und
  • alltägliches Leben.

Diese Dimensionen werden im sogenannten Spinnennetz-Modell visualisiert: Auf einer Skala von 0 bis 10 bewertet die Person ihr eigenes Wohlbefinden in jeder Dimension. Das Ergebnis ist ein persönliches Gesundheitsprofil – kein Urteil, sondern ein Gesprächseinstieg.

Eine wissenschaftliche Literaturübersicht aus dem Jahr 2024 zeigt vielversprechende Ergebnisse sowohl auf individueller als auch kollektiver Ebene – auch wenn weiterer Forschungsbedarf besteht, insbesondere für die konkrete Umsetzung in verschiedenen Settings.

Der vielleicht entscheidendste Beitrag von Positive Health ist nicht die perfekte Definition, sondern der Paradigmenwechsel: Weg von einer Medizin, die Krankheiten verwaltet, hin zu einem Gesundheitssystem, das Menschen dabei unterstützt, ihr Leben mit all seinen Herausforderungen zu meistern.

Das ist ein fundamentaler Perspektivenwechsel: Gesundheit ist kein Zustand, den man hat oder nicht hat – sondern eine dynamische Fähigkeit, mit dem Leben umzugehen. Damit rückt die Fähigkeit und die Ressourcen des Menschen in den Mittelpunkt.

Was das in der Praxis bedeutet

Im Mittelpunkt stehen die Ressourcen, also das, was möglich ist – nicht das, was aufgrund einer Erkrankung unmöglich ist. Das verändert die Beziehung zwischen behandelnder und erkrankter Person grundlegend: Statt Diagnosen zu stellen und Behandlungen zu verschreiben, führen Behandelnde ein offenes Gespräch auf Augenhöhe. Das Gesprächsmodell hilft, die Konstitution und Bedürfnisse der Patient:innen zu erkennen und sie zu eigenverantwortlichem Handeln anzuregen.

Positive Health ist ein wertvolles Konzept – weil es eine Frage stellt, die unser Gesundheitssystem zu selten stellt: Was braucht ein Mensch, um sein Leben gut zu gestalten?

Es verschiebt den Blick von Defiziten zu Ressourcen, von Diagnosen zu Gesprächen, von Krankheitsverwaltung zu Lebensgestaltung. Gerade für ein System, das unter chronischer Überlastung leidet, ist das kein Luxus, sondern eine strukturelle Notwendigkeit. Denn viele Arztbesuche, Klinikaufenthalte und Medikamentenverordnungen entstehen nicht aus medizinischer Notwendigkeit, sondern aus ungehörten Lebensgeschichten, fehlendem Sinn oder sozialer Isolation.

Kritische Perspektive

Erstens die konzeptuelle Unschärfe: Huber beschreibt Gesundheit als komplex, reduziert sie dann aber auf sechs Dimensionen – und vermischt dabei Gesundheit mit Verhalten. Ein schwerkranker Mensch könnte nach ihrer Definition als „gesund“ gelten, solange er konstruktiv mit seiner Situation umgeht.

Zweitens der politisch brisanteste Einwand: Wenn Gesundheit zur individuellen Anpassungsfähigkeit wird, werden strukturelle Ungleichheiten unsichtbar. Wer in Armut lebt oder in prekären Verhältnissen, hat schlicht schlechtere Ausgangsbedingungen. Kritiker sprechen von einem neoliberalen Reflex – strukturelles Versagen wird zur Privatsache.

Drittens das Messproblem: Subjektive Selbstbewertung auf einer Skala ist methodisch heikel. Kulturelle Prägung, soziale Erwünschtheit und persönliche Resilienz verzerren die Ergebnisse – Vergleichbarkeit und politische Steuerbarkeit bleiben begrenzt.

Positive Health ist kein Allheilmittel – aber es ist ein Kompass. Wenn wir über Gesundheit reden, wollen wir auch Gesundheit gestalten und nicht Krankheit verwalten.

Shiatsu und Positive Health – zwei Wege, eine Haltung

Es gibt Momente in einer Shiatsu-Sitzung, in denen etwas passiert, das schwer in Worte zu fassen ist. Der Körper entspannt sich tiefer, als man es für möglich gehalten hätte. Gedanken werden ruhiger. Man spürt sich wieder – ganz. Genau diese Erfahrung beschreibt, was Positive Health als Leitbild formuliert: Gesundheit nicht als Abwesenheit von Krankheit, sondern als Fähigkeit, das eigene Leben zu gestalten.

Positive Health, entwickelt von der niederländischen Ärztin Machteld Huber, versteht Gesundheit in sechs Dimensionen: körperliche Funktionen, mentales Wohlbefinden, Sinnhaftigkeit, Lebensqualität, soziale Teilhabe und Alltagsbewältigung. Was auf den ersten Blick wie ein gesundheitspolitisches Konzept wirkt, ist im Kern eine tiefe Einladung – zur Selbstwahrnehmung, zur Eigenverantwortung, zur ganzheitlichen Begegnung mit sich selbst. Shiatsu lebt genau das.

Ressourcen statt Defizite. Shiatsu fragt nicht zuerst, was fehlt oder krank ist. Es fragt, wo Lebensenergie stockt – und wie sie wieder fließen kann. Das ist derselbe Grundgedanke, auf dem Positive Health aufbaut: nicht verwalten, was nicht funktioniert, sondern stärken, was trägt.

Der ganze Mensch zählt. Positive Health denkt Körper, Geist und soziale Einbettung zusammen. Shiatsu tut das in jeder Sitzung – durch Berührung, die nicht nur Muskeln erreicht, sondern auch den Geist beruhigt, Emotionen löst und das innere Gleichgewicht wiederherstellt. Wer regelmäßig Shiatsu erfährt, kennt diesen Effekt: Man geht anders raus, als man reingekommen ist.

Selbstwirksamkeit als Ziel. Eines der wichtigsten Anliegen von Positive Health ist es, Menschen zu befähigen, ihr Leben aktiv zu gestalten. Shiatsu unterstützt genau das – indem es Körperbewusstsein schärft, Vertrauen in die eigenen Signale stärkt und einen Raum schafft, in dem man wieder spürt, was man wirklich braucht. Wer seinen Körper besser versteht, trifft bessere Entscheidungen – für Ernährung, Schlaf, Grenzen, Beziehungen.

Begegnung auf Augenhöhe. Das Spinnennetz-Modell von Positive Health beginnt mit einem Gespräch: Wie geht es dir wirklich – in allen Lebensbereichen? Auch eine gute Shiatsu-Sitzung beginnt so. Nicht mit Diagnosen, sondern mit Zuhören. Diese Qualität der Begegnung ist selbst heilsam.

Shiatsu ist kein Wellness-Angebot am Rand des Gesundheitssystems. Es ist eine Therapieform, die das verkörpert, wonach moderne Gesundheitsforschung sucht: einen menschenzentrierten, ressourcenorientierten, ganzheitlichen Zugang zur Gesundheit. Positive Health liefert dafür den theoretischen Rahmen. Shiatsu ist die gelebte Praxis.